Der Untergang der Estonia

 "Ich versichere an Eides statt, dass die in diesem Bericht dargestellten Ereignisse wahr sind.
Ich kann dafür jederzeit Zeugen benennen, die die Richtigkeit beeiden werden. "
Gez. Lutz Leichtfuss    

1. Tadschikistan


Nach meiner Korrespondentenkarriere in Moskau hing ich Mitte der neunziger Jahre
arbeitslos in Berlin herum. Ich hatte gerade eine Scheidung hinter mir und wollte unbedingt
räumlich weg, ins Ausland. Da kam mir ein Stellenangebot der Schweizer CARITAS, Luzern
wie gerufen. Man suchte einen Projektleiter für ein humanitäres Projekt im Süden der
ehemaligen Sowjetrepublik Tadschikistan. Dort hatte es einen furchtbaren Bürgerkrieg gegeben. Caritas sollte die zerstörten Dörfer wieder aufbauen.
Da ich russisch spreche, mich in den GUS Staaten etwas auskannte und zudem
Baufacharbeiter (!) bin, bewarb ich mich – und wurde zu meiner Überraschung angenommen.
So begannen im September die fünf spannendsten und prägendsten Jahre meines Lebens-
20 km vor der afghanischen Grenze.

Wir bauten fast 2000 Bauernhäuser wieder auf, im Jahr 2000 wurde das Projekt als bestes
UN-Projekt in Mittelasien ausgezeichnet.
All das wäre undenkbar gewesen ohne die ständige Betreuung und Weiterbildung durch
die international hoch angesehene Schweizer Entwicklungshilfe...

Zurück in Berlin, bewarb ich mich beim Auswärtigen Amt, erhielt wieder ein spezielles
Training und fand mich ab 2001 als Vertreter der OSZE in verschiedenen Ländern des Ostens,
zuletzt 2004 in Baku /Aserbaidschan.

Dort wurde mein Sohn Mischa geboren und ich heiratete Irina.
Im Zusammenhang mit Irina gab es eine Merkwürdigkeit: das Auswärtige Amt versuchte
mit allen Mitteln, diese Heirat zu verhindern. Kurz nachdem ich dennoch die Ringe gewechselt hatte, bekam ich die Mitteilung über meine Entlassung.

Ich sollte nie wieder einen Job in den GUS Staaten finden.

Es gab genug Bewerbungen, es gab auch ausreichend Bewerbungsgespräche. Aber immer, oft buchstäblich im letzten Moment, tauchte ein anderer, angeblich besserer Mitbewerber auf, der den Job bekam. Ich rief dann oft bei der verpassten Arbeitsstelle an, um festzustellen, der Platz ist weiter unbesetzt.
Da ich viel Zeit zum Nachdenken hatte, kam ich auf ein kleines Detail: Irgendein Personalmensch hatte einmal bemerkt: Da war ja wohl etwas in Tadschikistan...

Und tatsächlich. In Tadschikistan hatte es etwas gegeben...

Während der Vorbereitung in Luzern teilte mir CARITAS 1995 mit, ein weiterer DDR Bürger würde sich mit mir als mein Stellvertreter auf den Weg machen.

Er hätte früher als Offizier in der HVA des MfS gearbeitet.

Auf meine erstaunte Frage, ob das nicht eine problematische Karriere für die katholische
Kirche sei, lautete die lakonische Antwort: Er kann gut russisch und will den armen Menschen
helfen! Ich fand dass bemerkenswert. Eine Organisation, die Barmherzigkeit nicht nur
postuliert, sondern täglich lebt!

Erst zehn Jahre später fand ich das sehr spezielle berufliche Profil meines Stellvertreters
durch Zufall heraus: Wolf Dieter P. hat von 1969 – 1973 am Moskauer Mendelejew-Institut
für anorganische Chemie und Struktur der Materie studiert. Am russischen Atombomben
Institut. P. war als Oberst und persönlicher Referent des Leiters der HVA der Atomwaffen-
Spezialist des MfS.

Er war nicht ohne Grund mit mir in Tadschikistan.

Im Nordwesten Tadschikistans wurde in den vierziger Jahren die wichtigste und größte
Uran-Anreicherungsanlage der UdSSR gebaut. Gebaut ausschließlich zur Herstellung
des Plutonium für Atombomben.

In den späten achtziger Jahren hatten Arbeiter versucht, Plutonium im Milligrammbereich
auf dem Schwarzen Markt anzubieten. Daraufhin wurde die Anlage unter Sonderbewachung
gestellt.  Chef war der Leiter des tadschikischen KGB. Ein Russe.

Das vorangestellt, wundert es mich heute nicht mehr, das P. gleich nach unserer Ankunft im
September 1995 Kontakt mit dem tadschikischen KGB und der dort stationierten 211.
russischen Mot. Division aufnahm.

Als Vorwand diente die Suche nach LKW und Generatoren, die P. für tausende US-Dollar
aufkaufte. Da er zudem die Legende verbreitete, wir seien ein Schweizer Bauunternehmen,
hatten wir bald viele interessierte KGB Freunde.
P. organisierte spezielle Grillpartys. Bei dieser Gelegenheit sagte einer der vielen stellvertretenden KGB Chefs:“ Stell Dir vor, unser Chef hat für 20 Millionen Dollar atomares
Material verkauft. Jetzt sitzt er in seiner Villa in Südfrankreich, und wir in dieser Bananenrepublik.“
P. war es unangenehm, dass ich diesen Satz gehört, und nicht verstanden hatte.
Es gab danach keine Treffen oder Partys mehr.
Warum auch?

P. hatte seinen Auftrag erfüllt.

2. Schweden

Ein Jahr, bevor P. diese bemerkenswerte Aussage eingesammelt hatte, war, in der
Nacht vom 24. zum 25. September die unter estnischer Flagge laufende „Estonia“
untergegangen, was 852 Menschenleben forderte, darunter 500 Schweden.
Für die These, das das tadschikische Plutonium, 30-50 kg, also Material für eine
Atombombe an Bord war und dieser Fakt Ausgangspunkt für die Katastrophe war,
sprechen eine Reihe von Fakten.
- die Estonia hatte russische Militär-LKW an Bord.
- die Route Tallinn-Stockholm war damals die gängigste Schmuggelroute für Opium
  aus Afghanistan. Sie war genutzt worden.
- Kurz nach dem Untergang versprach der schwedische MP die Bergung aller Leichen.
  Er nahm das Versprechen nach ca. einem Monat wieder zurück.

Radioaktive Strahlung, besonders extrem bei Plutonium, verändert die Gitter-
struktur der Moleküle. Dadurch ist die DNA der Opfer beschädigt. Nicht mehr lesbar.

- Erst 2003 wurde bekannt, das etwa einen Monat nach der Katastrophe ein
  ferngesteuerter US-Unterwasserroboter in der Estonia aktiv war.  Solche
  Roboter werden normalerweise für die Untersuchung und Bergung der Atom-
  bewaffnung havarierter Atom-U-Bote genutzt.
- nach dem Einsatz des Roboters gab es einen anmeldepflichtigen Flug einer
  Maschine mit atomarem Material an Bord von Stockholm.

3. Tadschikistan

Die involvierten Sicherheitsdienste wussten also dank P., woher das Zeug, dass sie
in der Estonia gefunden hatten, kam.

Plutonium wird gewöhnlich in schweren, besonders gesicherten Eisenbahnsarkophagen
transportiert. Um es auf die Opiumroute und auf die Estonia zu bekommen, hatten
die Jungs ein spezielles Teil aus Beton, Blei und Eisen gebastelt, die auf zwei Militärlaster
gehievt worden waren. Wie so oft, etwas schlampig. Die Verankerung auf dem LKW-Boden
hatte zwar die vorsichtige Fahrt durchs Pamir-Gebirge und die kasachische Steppe überstanden, aber die Jungs, die sich in den Bergen gut auskannten, hatten keine Ahnung, wie sehr
auch ein großes Fährschiff bei Sturm stampfen und rollen kann. So riss die Verankerung
und das dutzend Tonnen schwere Blei-Beton-Konstrukt hing weiter über die Ladekante.
Alle Versuche, es durch Drücken an andere LKW zurückzubekommen scheiterten.
Man brauchte einen starken Kran. Den gab es erst in Stockholm, dann hätte es viele Fragen
gegeben. Die Antwort hätten die Jungs nicht überlebt.

Das war also gelöst.
Aber es gab noch dutzende andere, offene Probleme.
Das Plutoniumwerk in Tadschikistan produzierte immer noch. An Tadschikistan grenzen
Pakistan, das 95 noch nach an einer Bombe baute. Nicht weit ist der Iran, auch bombengeil.

Und im Süden, in Afghanistan saß gerade Osama bin Laden, für den eine eigene Bombe sicher
seine feuchtesten Träume erfüllt hätte.

Anfang 1996 gab die Clinton Regierung einen großzügigen Plan bekannt.
Sie stellte 20 Millionen Dollar (da sind sie wieder) für ein einmaliges Projekt zur Verfügung:
Die Sicherheit von Atomanlagen, auch militärischer Art, in den GUS Staaten sollte damit
verbessert werden.

1998 wurde im Rahmen dieses Programms die umfassende und vollständige Stilllegung
der Urananreicherungsanlage in Tadschikistan bekannt gegeben.
Sie ist heute ein beliebtes Technikmuseum, mit leichtem Gruselfaktor.

Aber warum bleibt dann der Estonia Fall bis heute ein ungelöster?
Darüber kann man viel spekulieren.

Es gibt ja bis heute immer wieder Versuche, die Wahrheit herauszufinden.
Würde das passieren, wäre ein Rattenschwanz an Folgeprozessen unabwendbar.
Die Reederei, inzwischen abgewickelt, würde Millionen fordern, die Meyerwerft,
Erbauer der Estonia, in den USA wegen Imageschädigung, zwei der Passagiere waren
US Bürger, auch das wäre eine Milliardenklage die Folge. Usw. und so fort.

Übrigens: Putin kennt die ganze Geschichte auch. 2009 wurde bekannt, das der
stellvertretende Geheimdienstchef Estlands russischer Doppelagent war.

Hatte man früher Russland und Jelzin in der Hand, ist es jetzt umgekehrt.

4. Wolf-Dieter P.

P. hat sich nach der wichtigsten Geheimdienstoperation nach dem 2.Weltkrieg
eine schöne Eigentumswohnung gekauft und zur Ruhe gesetzt. Er hat keine
materiellen Sorgen. Seiner Tochter und seinen Enkeln gilt all seine Aufmerksamkeit.
Ich hege keinen Groll gegen ihn. 
Er hat den Völkern Europas einen unermesslichen Dienst erwiesen.

Gezeichnet Lutz Leichtfuss